INFORMATIK / INFORMATIQUE

Zeitschrift der schweizerischen Informatikorganisationen
Revue des organisation suisses d'informatique

Nr./No. 2 April/Avril 1995


Netzbasierte, multimediale Fachinformation für Lehre und Forschung

Günther Cyranek

Eine Initiative der Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) leistet einen Beitrag für die praktische Nutzung der in Deutschland bereits sehr weit ausgebauten Hochleistungsdatennetze (Datenautobahnen) leistet. Sie wurde Ende 1993 vom Präsidium der GI angestossen und anschliessend als GI-Arbeitskreis Fachinformation eingerichtet. Nach über einjähriger Vorarbeit liegt jetzt ein konkreter Arbeitsplan vor. Dieser soll gemeinsam mit dem Fachinformationszentrum (FIZ) Karlsruhe und dem wissenschaftlichen Springer-Verlag Heidelberg realisiert werden. Eine finanzielle Unterstützung des Referats Fachinformation des BMBF wurde inzwischen zugesagt.

Die GI ist eine wissenschaftliche Fachgesellschaft mit fast 20'000 Mitgliedern. Sie wurde 1969 gegründet und hat das Ziel, die Wissenschaft Informatik einschliesslich ihrer Anwendungen zu fördern. Darüberhinaus befasst sie sich mit den beruflichen Fragen aller, die auf dem Gebiet der Informatik in Forschung und Lehre, Entwicklung und Produktion, Anwendung, Vertrieb und in der Verwaltung tätig sind oder Informatik als Haupt- oder Nebenfach studieren.

Das Fachinformationszentrum (FIZ) Karlsruhe wurde 1977 gegründet und ist der führende deutsche Datenbankproduzent in den Bereichen Energie, Physik, Mathematik, Informatik und verwandten Gebieten. FIZ Karlsruhe betreibt zusammen mit der American Chemical Society, vertreten durch Chemical Abstracts Service und dem Japanese Information Center for Science and Technology, den Online-Service STN International, der ein umfassendes Angebot an bibliographischen, numerischen, Fakten- und Volltext-Datenbanken im wissenschaftlich-technischen Bereich weltweit anbietet.

Der wissenschaftliche Springer-Verlag, Berlin-Heidelberg, gegründet 1842, ist mit der GI verbunden durch die Zeitschriften Informatik-Spektrum und Informatik-Forschung und Entwicklung. Springer ist auch international der führende Verlag für Fachinformation in Naturwissenschaften, Technik, Technologie und Medizin (STM). Seit einigen Jahren bietet Springer mit CD-ROMs, Online Datenbanken, Software und elektronischen Zeitschriften ein sehr breites Spektrum im Bereich Electronic Publishing und Multimedia an.

Springer ist Mitgründer von ADONIS und aktiv in diverse Forschungsprojekte wie Red Sage/RightPages, TEEMIS, WEBDOC, DFN etc. involviert. Andere bekannte Entwicklungen sind der W3-Server mit Inhaltsverzeichnissen und Abstracts von über 130 Zeitschriften (Journals Preview Service), Kataloge, Macros für Autoren und Demo-Software. <http://www.springer.de/>

Elektronisches Publizieren

Elektronisches Publizieren wird als grösste Revolution seit Gutenberg in den Medien angepriesen. Untersuchungen der EU sprechen davon, dass im Jahr 2000 elektronische Produkte bis zu 40% des Umsatzes der Verlagsindustrie insgesamt ausmachen könnten. Durch dieses Potential für Multimedia Publishing wird für Unternehmen der Informationstechnologie, Telekommunikation und elektronische Medien die Verlagswelt strategisch wichtiger. Allerdings sind sich die 60'000 Verlage und verlagsähnlichen Organisationen in Europa der Bedeutung des Übergangs vom Blatt zum Bildschirm noch zu wenig bewusst, Chancen und Risiken werden bislang gleichermassen ignoriert.

Auch der wissenschaftliche Buch- und Zeitschriftenmarkt wird beeinflusst werden durch die Entwicklung im Unterhaltungsmarkt. Innerhalb der Wissenschaft wird die Informatik insofern eine Vorreiterrolle spielen, als die entscheidenden methodischen Impulse und Werkzeuge von ihr kommen müssen. Das kann nur durch enge Kooperation aller betroffenen Fachgesellschaften mit Verlagshäusern erfolgen, die experimentierfreudig und für multimediale Dienste aufgeschlossen sind.

Auch der Zugriff auf aktuelle Literatur ist für die Informatik - wie Untersuchungen zum Alter der Literaturreferenzen ergaben - noch wichtiger als z. B. für die Mathematik, weil ein Grossteil der Publikationen in der Informatik schon nach ein bis zwei Jahren auf Grund der weltweiten dynamischen Entwicklung nicht mehr zitiert werden. Elektronisch verfügbare Informatik-Publikationen könnten wesentlich zu einer aktuelleren Informationsversorgung in Forschung, Berufspraxis und Ausbildung beitragen. Die Modernisierung der Informationsabeschaffung verbessert die Innovationsfähigkeit von Forschung und Entwicklung, beschleunigt den Transfer von Ergebnissen der Forschung in Anwendung und Ausbildung und Studierenden erhalten eine Chance, ihr Studium effizienter zu gestalten.

Als erste deutsche Informatik-Zeitschrift soll Informatik - Forschung und Entwicklung (IFE) vom Springer-Verlag in elektronischer Form angeboten werden. Während der einjährigen Einführungsphase ist das elektronische Angebot kostenlos zum Abonnement der gedruckten Version erhältlich. Die englischsprachige Zeitschrift für Informatik, das Journal for Universal Computer Science (J.UCS), wird bereits elektronisch angeboten. Die Nummer 1 von J.UCS ist bereits abrufbar unter <http://hyperg.cs.uni-bonn.de> bzw. <http://hyperg.informatik.tu-münchen.de>.

Welche Erwartungen stellen heute Leser und Autoren an elektronische Zeitschriften? Eine Umfrage vom Herbst 1994 unter den IFE-Lesern (davon 40% aus Industrie bzw. Dienstleistungssektor) ergab, dass von elektronischen Zeitschriften verbesserte Suchmöglichkeiten und ein leichterer Zugang zu Texten, aber auch zu Grafiken, Stand- und Bewegt-Bild sowie zu Software erwartet wird. Aus der Sicht der Autoren stehen als Vorteile im Vordergrund: vermehrte und schnellere Reaktionen der Leser, kürzere Publikationszyklen sowie Verbreiterung des Leserkreises. Bei den Befürchtungen kommt neben der Abhängigkeit vom Computer die Sorge zum Ausdruck, dass elektronische Zeitschriften ohne Wissen des Autors verändert werden könnten. Unsicherheit besteht auch über den zukünftigen Reviewing-Prozess im Hinblick auf die Qualitätssicherung.

Wie gross ist die Bereitschaft, elektronische Zeitschriften zu lesen? Etwa 57% der Rückmeldungen haben im Prinzip Interesse an einer auf ihre persönlichen Bedürfnisse zugeschnittenen elektronischen Version, 36% wollen später die elektronische und die gedruckte Version abonnieren. Nur 13% würden keine elektronische Version abonnieren, wenn sie dafür bezahlen müssten. Ein benutzerfreundliches, "auf Knopfdruck lesbares" Format wird gegenüber einem flexiblen, noch aufzubereitenden Format leicht bevorzugt.

Das Kernprojekt

Nach einem sechsmonatigen Vorprojekt kann jetzt aufgrund der Unterstützung des BMBF-Referats Fachinformation (Leiter Min.-Rat Dr. J. M. Czermak) mit der Entwicklung eines Volltext-Informationssystems Informatik begonnen werden, das netzbasierte, multimediale Fachinformationsdienste umfasst und in einem Verbund mit den oben erwähnten Projektpartnern und mehreren Universitätsinstituten realisiert wird. Die Arbeitspakete sind in groben Zügen skizziert durch:

Bestandsaufnahme und Pflichtenheft

- Anforderungen anein elektronisches Publikations- und Bibliothekssystem für die Informatik;

- Definition der Nutzergruppen und internationale Einbindung

Systemtechnische Evaluation

- Bewertung und Auswahl von DBMS- bzw. Hypermedia-Systemen als Basis für einen weltweiten Verbund von Volltext- bzw. Hypermedia-Servern;

- Festlegung von Kapazitäts- und Leistungskriterien;

- Auswahl von Archivierungstechniken, Netzstruktur und -verwaltung

Beschaffung geeigneter Inhalte und Festlegung der Rahmenbedingungen

- Auswahl nationaler und internationaler Quellen;

- Vergütungsstrukturen für Autoren und Nutzer;

- Klärung vertraglicher Regelung der Urheberrechtsfragen;

- Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen

Qualitätssicherung und Aktualität

- Konzeption elektronischer Gutachterprozesse;

- Sicherung der Aktualität durch Pflegedienste, Versionskontrolle, Annotationen und Verweise;

- Festlegung einerArchivierungsstruktur

Infrastruktur der Informationsversorgung

- Entwurf einer Infrastruktur des Suchens;

- Verknüpfung mit Nachweisdatenbanken (z.B. CompuScience);

- Konzeption und Aufbau von Vermittlungsdiensten;

- Gestaltung der Benutzungsoberfläche

Die Projektleitung wird in den drei erwähnten Institutionen gemeinsam wahrgenommen. Als Pilotanwender werden in diesem zunächst zweijährigen Kernprojekt etwa 20 Universitäten und Fachhochschulen beteiligt sein.

Mögliche Zusatzprojekte

Erweiterungen dieses Kernprojekts sind in Zusatzprojekten vorgesehen zur automatischen Indexierung, zur Entwicklung neuer Text- und Objektformate, zur Erweiterung der Benutzungsschnittstelle um natürlichsprachlichen Zugang, zu Software-Nachweis und -Verteilung, zum Video-Server für multimediale Dokumente für Lehre und Forschung sowie die industrielle Auswertung für mittelständige Firmen. Weitere Hochschulen, Forschungs- und Ausbildungsinstitutionen sollen als Anwender beteiligt werden. Insgesamt sind in der GI-Fachinformations-Initiative etwa 100 Institutionen beteiligt.

Weitere Informationen über die bisherigen Aktivitäten der GI-Fachinformations-Initiative Informatik finden Sie auf dem ftp-Server <ftp.informatik.uni-freiburg.de> im Verzeichnis AKFachinformation bzw. über <http://www.informatik.uni-freiburg.de/Ibd/AK-FII.html>.

Weitere Kooperationen

Die GI strebt mit diesem Leitprojekt eine enge Kooperation mit den Fachgesellschaften der Mathematik (DMV), Physik (DPG) und Chemie (GDCh) an zur Verbesserung der elektronischen Information und Kommunikation. Gemeinsam unterstützen die vier Fachgesellschaften das geplante neue Förderprogramm des BMBF zur Weiterentwicklung des wissenschaftlichen Publikationswesens.

Ein erster gemeinsamer Workshop dieser vier Fachgesellschaften mit dem Thema "Neue Wege der wissenschaftlichen Information und Kommunikation" findet vom 9.- 10.3.1995 an der TU Berlin statt.

Weitere Informationen: Günther Cyranek, GI-/BMBF-Projekt-Manager, IT Assessment, Auf der Mauer 3, 8001 Zürich. Tel. 01 260 31 11, Fax 01-26 03 111, E-Mail: <cyranek@ifi-rzu.unizh.ch>.


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