Nr./No. 2 April/Avril 1995
Tagungsbericht vom Workshop der Fachgesellschaften der Deutschen Mathematiker (DMV), Physiker (DPG), Chemiker (GDCh) und Informatiker (GI)
Um die Einführung neuer Wege der Verbreitung wissenschaftlich-technischer Literatur wenigstens in Deutschland zu koordinieren, haben die Fachgesellschaften der Deutschen Mathematiker (DMV), Physiker (DPG), Chemiker (GDCh) und Informatiker (GI) innert kürzester Zeit einen hochkarätig besetzten und gut besuchten Workshop organisiert, der vom 8.-10. März in Berlin stattfand. Begleitend fanden getrennte Sitzungen der einzelnen Fachgesellschaften und ein zweitägiges Tutorial über Hyper-G statt. Dieser Bericht fasst ausgewählte Vorträge zusammen und schliesst mit einigen Bemerkungen zur Entwicklung der wissenschaftlichen Information und Kommunikation (IuK).
Vorträge
Frans de Bruine, Direktor des Direktorats "Information Industry and Language Processing" (DGXIII, Directorate E) der Commission of the European Communities <http://www.echo.lu> stellte die Entwicklungen in einem internationalen Rahmen. Er wies auf die amerikanischen Initiativen zur nationalen und globalen Informations-Infrastruktur (NII, September1993 und GII, März 1994), das japanische OFL-21-Projekt (Optical Fibre Loop for 21st Century, "Fibre to every home until 2010") und die europäischen Initiativen von Delors (White Paper on Growth, Competitiveness, Employment, Dezember 1993) und Bangemann ("Bangemann-Report", Juni 1994) sowie die soeben abgeschlossene G7-Tagung (Februar 1995) hin. Er wies darauf hin, dass die globale Informations-Infrastruktur nicht eine, sondern viele Infrastrukturen umfassen wird, viele davon sind schon vorhanden, aber bisher wegen Gesetzen nicht nutzbar (z.B. Kabel-TV). Versuche, Informationstechnologien gesetzlich zu stoppen, sind bisher immer gescheitert (z.B. kommerzielles Fernsehen in Holland und in der Schweiz). Neu zu regeln sind die Urheberrechte (IPR, Intellectual Property Rights), Datenschutz und Datensicherheit. Beispielsweise waren die traditionell geheimgehaltenen Entwürfe für das G7-Treffen auf dem Internet verfügbar und wurden in den USA diskutiert. Die G7 wollen deshalb möglichst wenig regeln, private Initiative unterstützen und das öffentliche Verständnis fördern.
Während J.-M. Czermaks Vortrag stieg die Temperatur im Saal stark an. Czermak arbeitet beim Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF) in Bonn <http://rigel.dfn.de/bmft/> und ist dort von Seite des Bundes für die verschiedenen IuK-Projekte zuständig. Er legte seine Vision einer Organisation X dar, die weltweit oder regional, für alle oder nur für einzelne Fachgebiete für die IuK zuständig ist. Nach seiner Vorstellung wird jeder Autor seine Aufsätze dieser Organisation schicken, die sie archiviert und anderen Forschern anbietet. Im Ideal sollte ein Zugriff auf die Datenbank dieser Organisation die gewünschten Aufsätze finden können. Diese Organisation übernimmt die Aufgabe der Verlage, Bibliotheken und Archive. Ist diese Vision realistisch? Nein! doch jeder Mitesser am heutigen Kuchen möchte gerne zur Organisation X werden: Die Verlage bieten elektronischen Zugriff an, die Bibliotheken treten als elektronische Verleger auf, die Fachgesellschaften bauen Fachinformationssysteme auf. In diesem Durcheinander, das sich da entwickelt, sieht Czermak nur ein Steuerungsmittel: Geld!
Schliesslich nahm Czermak eine Diskussion vom Vortag auf, in der er das Projekt der GI scharf angegriffen hatte. Im Vortrag von Frau A. Brüggemann-Klein von der TU München wurde das GI-Projekt (siehe Artikel von G. Cyranek, Seite 31) sehr umfangreich und ehrgeizig. Für das dargestellte Projekt versprach sie beispielsweise für zwanzig Pilotanwender je eine halbe bis eine ganze Stelle. Czermak lehnte auch die Zusatzprojekte ab. Er wies auf eine Sitzung mit den vier Fachgesellschaften hin, wo seinerzeit ein Thesenpapier mit unter anderen die folgenden Punkte beschlossen wurden:
* Die Wissenschaftler wollen neue Aufsätze elektronisch erhalten.
* Diese Dienstleistung kann auf Dauer nur kostendeckend durch einen Anbieter erbracht werden. Hier gab es Übereinstimmung mit GI, DGP und GDCh. Nur die DMV war nicht dieser Meinung.
* Die Wissenschaftler wollen elektronisch publizieren.
* Die Fachgesellschaften sind die natürlichen Anwälte der Wissenschaftler.
* Als Ziel soll inden nächsten Jahren ein elektronisches Informationssystem entwickelt und genutzt werden, das weltweite Literatur nachweisen und umfassen (d.h. Volltext) sollte.
* Die Analyse der (unterschiedlichen) Ausgangslage fehlt noch in allen vier Fachbereichen.
Die Zusatzprojekte gingen weit über das hinaus. Das Verhalten der Fachgesellschaften seit dieser Sitzung hat in seiner Abteilung die Frage geweckt, ob sich die Fachgesellschaften zusammengeschlossen haben, um leichter an die Förderungsmittel heranzukommen. Czermak will nur Projekte finanzieren, die am Ziel orientiert sind, eine entgeltliche Dienstleistung aufzubauen.
Hyper-G, "das erste Hypermediasystem der zweiten Generation", und das Journal of Computer Science (J.UCS, ausgesprochen wie Jux) <http://hyperg.informatik.uni-freiburg.de/Cjucs-root> wurden von H. Mauer von der TU Graz persönlich vorstellt. Die aufgezeigten Vorteile begeisterten wie immer das Publikum. Interessanterweise wird bei Hyper-G unterdessen vor allem der Serveraspekt und die Kompatibilität mit W3 betont, ohne speziell darauf hinzuweisen, welche Vorteile der Ersatz der W3-Browser durch Hyper-G-Browser bringt. Unterdessen arbeiten in Graz 50 Personen an der Weiterentwicklung von Hyper-G. In einer sehr interessanten Folie stellte er W3 als flexibles, aber heterogenes System, Hyper-G als integriertes, aber monolytisches System dar. Auf die Frage, wann der Sourcecode freigegeben werde, meinte H. Maurer, dass das nie der Fall sein werde. Nur die Browser sind frei verfügbar <http://www.iicm.tu-graz.ac.at/>. Mit dem neuen Standard HTML-3 werden wenigstens die Dokumentenformate von Hyper-G und W3 zusammengeführt. Für die deutschen Fachgesellschaften scheinen die Vorteile von Hyper-G momentan die Nachteile zu überwiegen: Viele der geplanten Systeme werden auf Hyper-G aufbauen.
Der Rechtsanwalt Christian Russ beleuchtete einige Aspekte des Urheberrechts. Als Beispiel brachte er einen seiner Fälle: Ein Professor erstattet Anzeige, weil ihm im Vorlesungssaal ein Buch geklaut wurde. Am selben Tag hat er jedoch hemmungslos fremde Aufsätze zusammenkopiert und als sein eigenes Skript verkauft. Offensichtlich ist das (viel ältere) Sachrecht immer noch tiefer in uns verwurzelt als das Immaterialgüterrecht. Obwohl sehr interessant, war der Bezug zur IuK zu wenig konkret.
Aus der Verlegersicht beleuchteten zum Abschluss A. de Kemp, Produktleiter Elektronisches Publizieren von Springer <http://www.springer.de>, und H. E. Roosendaal, Elsevier <http://www.elsevier.nl>, die Entwicklungen. Das neue Produkt der Verlage ist Information. Für sie ist Papier immer noch das beste Medium. De Kemp wies darauf hin, dass es auf Papier auch keine Standards gibt, ausser wo gebunden wird: links in Europa und USA, rechts in Japan, und oben bei Kalendern. Bei allem anderen gibt es unzählige Variationen, sogar runde Bücher werden gedruckt. Es ist illusorisch zu glauben, dass ein Standard für elektronisches Publizieren eingeführt werden könne.
Elsevier, Verleger von 1100 Journals und 15% aller Journal-Aufsätze der Welt, baut momentan ein Archiv ihrer Aufsätze auf. Das verwendete Format ist SGML. Alle Dokumente werden vom Verlag nach SGML konvertiert.
Interessant war die Beurteilung von Adobes Acrobat. Das Produkt als mediumneutraler Standard ist sehr wichtig für Verlage. Die einzige Gefahr ist, dass Adobe jetzt zwar die Viewers gratis abgibt, aber später plötzlich Lizenzgebühren verlangt. Adobe ist nicht bereit, diesbezüglich Sicherheiten abzugeben.
Bemerkungen
Viele der am Workshop diskutierten Punkte waren natürlich deutschlandbezogen. Als Aussenseiter war es mir nicht immer möglich, die ganze Tragweite der Aussagen nachzuvollziehen. Eindeutig ist in Deutschland die Diskussion um Fördermittel härter als in der Schweiz. Abgesehen davon, dass meines Wissens über IuK in der Schweiz kaum diskutiert wird, lassen sich einige Punkte gut in die Schweiz übertragen:
1. Das Projekt der GI, wie es von Frau Brüggemann-Klein dargestellt wurde, ist sehr ehrgeizig. Es sieht aus, als ob alles neu und perfekt entwickelt werden soll. Neue Forschungsprojekte wie natürlichsprachlicher Zugang, Videoserver und neue Dokumentenformate sollen gleich mitentwickelt werden. In der Schweiz sollten wir diesen Fehler nicht machen, sondern versuchen, mit den bestehenen, ausreichenden Mitteln ein brauchbares System aufzubauen. Wichtiger als ein natürlichsprachlicher Zugang scheint mir beispielsweise ein einheitlicher Zugang (d.h. aber nicht eine einheitliche Speicherung!). Gleichzeitig muss eine Zusammenarbeit mit der GI angestrebt werden, damit wir von den Entwicklungen in Deutschland und der EU nicht ausgeschlossen werden.
2. Die Wissenschaftler sind nicht bereit, für elektronisch übermittelte Information zu bezahlen. Czermak wurde von einem Saal voller Professoren ausgelacht, als er die Meinung vertrat, dass die Wissenschaftler für die Versorgung mit Fachliteratur bezahlen müssten. Statt über vernünftige Wege der Finanzierung zu diskutieren, wurde mehrmals das Schreckgespenst der Terminals mit Münzeinwurf polemisch an die Wand gemalt. Volumenabhängige Lesegebühren sind jedoch nach meiner Meinung der einzige gangbare Weg, um lesenswerte Literatur zu fördern. Eine flächendeckende Gratisversorgung mit wissenschaftlicher IuK ist wohl unbezahlbar.
3. Das Peer Review-Verfahren muss meines Erachtens von der Publikation getrennt werden. Als Wissenschaftler möchte ich persönlich lieber "schlechte", aber aktuelle Literatur zu meinem Thema lesen, als "gute", aber veraltete. Lesen wir mehr Aufsätze, weil sie in reputierten Zeitschriften stehen, oder weil uns das Thema interessiert? Besonders in sehr dynamischen Gebieten, wie Hochenergiephysik ist Geschwindigkeit so wichtig wie Qualität. In der Physik haben deshalb auch Preprint Server grossen Erfolg. Peer Review verhindert keine einzige Publikation und auch nicht, dass derselbe Artikel in verschiedenen Sprachen, mit anderer Reihenfolge der Autoren und neuem Abstract zweimal publiziert wird. Ein weiteres Problem der Peer Review ist, dass relevante Artikel erst von Gutachtern als "Schrott" bezeichnet werden können, dann anderswo erscheinen und Erfolg haben. Heute gibt es auch Bereiche, wo das Peer Review vom Autor vorfinanziert werden muss.
Da z.B. unser Berufungssystem auf der publizierten Literatur basiert, ist jedoch Peer Review weiterhin notwendig. Es kann aber auch nach der (elektronischen) Erstpublikation stattfinden, z.B. wenn es darum geht, ob der Artikel in die reputierte Zeitschrift gedruckt werden soll. Diese Aspekte hängen jedoch vor allem mit Dokumentation zusammen, im Gegensatz zur Kommunikation, die auch ohne Peer Review funktioniert.
Louis Perrochon ist diplomierter Informatik-Ingenieur ETH. Zur Zeit arbeitet er an einer Dissertation im Bereich verteilte, heterogene, öffentliche Informationssysteme am Institut für Informationssysteme der ETH Zürich und betreut auch das öffentliche Departementsinformationssystem (DINIS) des Departements Informatik der ETH Zürich.
Adresse: Institut für Informationssysteme, ETH Zentrum, 8092 Zürich.
<mailto:perrochon@inf.ethz.ch>
<http://www.inf.ethz.ch/personal/perrocho/louis.html>