Nr./No. 2 April/Avril 1995
Die Jugend ist uns Lehrern im Umgangmit Computer und Modem zum Teil bereits voraus. Was ihr fehlt, ist eine fundierte Anleitung zur sinnvollen Verwendung und Verarbeitung von Informationen. Dies wird in Zukunft ein Schwerpunkt in der Bildung sein. Damit wir Lehrer diesem Bildungsauftrag zukünftig gerecht werden können, brauchen wir vorerst mehr Ausbildung, mehr Austausch mit Fachkräften und vermehrte technische Möglichkeiten, damit unser berufliches Bildungswesen einem Vergleich mit anderen Industrienationen standhält. Wir skizzieren hier einige Denkansätze für den Bereich der Berufsschullehrer.
Das Fundament unserer Wirtschaft
Im Bundesgesetz Art. 6 zur Berufslehre steht: "Die berufliche Grundausbildung vermittelt die zur Ausübung eines Berufes notwendigen Fertigkeiten und Kenntnisse. (...) Sie bildet ferner die Grundlage zur fachlichen und allgemeinen Weiterbildung". Dabei wird als Weiterbildungszweck verstanden, die Grundausbildung der technischen und wirtschaftlichen Entwicklung anzupassen. Nach Professor Kurt Bauknecht [Bauknecht 95] werden nur diejenigen auf dem Markt bestehen können und Anerkennung finden, welche die Fusion von Informatik und Telekommunikation beherrschen.
Wenn man diese beiden Aussagen koppelt, bedeutet dies für die Berufsschullehrer, dass der Bildungsauftrag um ein interessantes, anspruchsvolles Gebiet erweitert wird. Da die Berufsschullehrer den Grossteil der zukünftig am Wirtschaftsprozess Beteiligten ausbilden, halten wir einige grundlegende Überlegungen in diese Richtung für dringend notwendig. Dies um so mehr, als dass sich innerhalb der letzten Jahrzehnte in der Wirtschaft eine starke Verschiebung von Arbeitsprozessen hin zu Informationsverarbeitungsprozessen ergeben hat.
DieSituation in den Berufsschulen
Vor sieben Jahren beendete eine Gruppe von Berufsschullehrern im Kanton Zürich einen dreijährigen Versuch zur Anwendung von Telematik im Berufsschulunterricht [Erfahrungsbericht]. Das Resultat war ernüchternd. Es gab praktisch keine sinnvollen Anwendungen für den alltäglichen Einsatz im Unterricht und die Handhabung von Terminalprogrammen und Modems war eine Angelegenheit für Spezialisten.
Ein anderer Startversuch, bei dem sich mehrere hundert Lehrer anfangs enthusiastisch in einer professionellen Mailbox anmeldeten, entwickelte sich zum Flop. Warum? Es mangelte an Support, an der Ausbildung wurde gespart, und die Bedienungssoftware war antiquiert. Von vielen noch unbemerkt hat sich in letzter Zeit aber eine neue Situation auf dem Softwaremarkt ergeben. Auf dem Internet beispielsweise können mit Mosaic und ähnlichen Programmen (auf eingerichteten Maschinen) auch Computerlaien weltweit nach Informationen suchen. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Computereinrichtungen viel komplexer geworden sind. Weitaus problematischer ist unserer Meinung nach die neu verfügbare Logik, zu der uns die Rechner plötzlich Zutritt verschaffen. Hinter dem Computer hängen auf einmal fast unendlich viele Verbindungsmöglichkeiten. Um diese sinnvoll zu nutzen und mit einer cleveren Suchstrategie seinen Informationsbedarf decken zu können, muss der Benutzer über ein differenziertes Vorstellungsvermögen und Know-how verfügen. Genau hier wird die zunehmende Bedeutung der Telekommunikation in der Berufsbildung augenfällig.
Aufgrund der früher vorherrschenden komplizierten Anwendungen sind die meisten Lehrer beim Gebrauch der neuen Technologie noch skeptisch und zurückhaltend. Dabei ist nicht die Technik das grösste Problem sondern der erhoffte Nutzen. Vergleicht man die Entwicklungen über die ganze Schweiz hinweg, dann findet man durchaus Beispiele, wo Lehrer Telekommunikation erfolgreich anwenden.
Wo liegt das Geheimnis zum Erfolg?
Das ist nicht sonderlich schwer zu ergründen. Nehmen wir Genf als Beispiel [Morel 94]. (Es gibt auch andere positive Beispiele. Eine halbwegs vollständige Auflistung würde jedoch den Rahmen dieses Beitrages sprengen.) Über zwanzig Jahre lang wurden dort kontinuierlich Experimente gemacht und auf ihren Nutzen für die Schule hin wissenschaftlich ausgewertet. Daraus ergibt sich folgendes Bild:
1. Für einen erfolgreichen Einsatz von Telekommunikation in der Schule braucht es ein pädagogisches Konzept. Ohne dieses ist jede Anstrengung zum Scheitern verurteilt.
2. Die Lehrer müssen von ausgewiesenen Fachleuten animiert und ausgebildet werden.
3. Die Lehrer brauchen einen zuverlässigen und kompetenten Support. Auftauchende Fragen müssen möglichst am gleichen Tag beantwortet werden. Sind die Probleme nicht lösbar, dann werden sie in ein CompuServe-Forum eingebracht, um anderentags dem Lehrer eine Lösung präsentieren zu können. Dies könnte eine anspornende Aufgabe für interessierte Informatik-Studenten deroberen Semestern sein.
4. Das pädagogische Konzept muss durch moderne Hard- und Software unterstützt werden. Dabei ist es wichtig, dass beide möglichst auf beständigen Komponenten aufbauen.
Aus Fehlern lernen
Nach Professor C.A. Zehnder befinden wir uns in der Ausbildung mit der Telekommunikation in der gleichen Situation wie beim Fachbereich Informatik und PC vor zehn Jahren. Damit die Lehrer ihrer Aufgabe gerecht werden können, brauchen sie einen gewissen Vorsprung vor den Schülern, die zu Hause zum Teil bereits mit Computer und Modem umgehen. Was die Lehrlinge dabei meist nicht besitzen, ist das Know-how der gezielten Informationsbeschaffung und -verarbeitung. Genau hier brauchen die Lehrer Unterstützung. Die Auswertungen des fünfjährigen Grossversuchsprojektes "Kommunikations-Modell Gemeinden" (KMG) <http://www.eunet.ch/Customers/POLICOM/miscBer/KMG-Projekt-Fazit.html> zeigen mit aller Deutlichkeit, dass der Einsatz von Telekommunikationstechnik, gekoppelt mit Informationsverarbeitung, ohne fachkundige Anleitung, grossflächig keine Chance hat. Viele Bewohner unseres Landes verspüren in der komplexer werdenden Umwelt Orientierungsschwierigkeiten durch Informationsdefizite. Oft ist eine Abkehr vom Gemeinwesen und Rückzug ins Private festgestellt worden. Damit diese Technologie wirklich ihre positiven Möglichkeiten entfalten kann, benötigt sie eine breite Abstützung in Bevölkerung und auf Gemeindeebene.
Orientierungspunkte
Als Bewohner eines von EU-Ländern umgebenen Binnenlandes würde uns ein Blick über die Landesgrenzen hinweg nicht schaden. Die Länder der EU haben seit über einem Jahrzehnt gross angelegte Entwicklungsprojekte im Telekommunikationsbereich gestartet. Strategien und Erfahrungsberichte sowohl von PLUTO (Project to Link Universities and Training Organisations, d. h. ein pädagogisches Netzwerk für alle Schulstufen) wie auch von ODS (offenes deutsches Schulnetz) <http://www.be.schule.de/bics/inf/ods-netz/start.html> in Deutschland wurden in den letzten zwei Jahrgängen im [LOGIN] wiederholt beschrieben. Ähnliche Ansätze liefert auch das "GOAL 2000" <http://www.ed.gov/> aus den USA. Aus diesen Beschreibungen wie auch aus den positiven Ergebnissen der Schweiz geht hervor: je mehr sich die Telekommunikationsanwendungen an den wirklichen Bedürfnissen der Basisbenutzer orientierten, desto grössere Akzeptanz erhielten sie. Alle haben schon etliche Versuche hinter sich und legen zukünftig den Schwerpunkt der Anwenderforschung auf die Bedarfsanalyse der Benutzer, sowohl auf der Hardware- wie auf der Softwareseite. Beachtung sollten auch die Budgets verdienen, mit denen unsere Nachbarn diese Forschung auf der Ebene unterhalb der Universitäten betreiben. Nicht zu vergessen sind auch erfolgreiche Unternehmen entfernterer Länder, wie z.B. der schon 1993 durchgeführte Telekommunikationswettbewerb der Jugend in Argentinien. Interessante Ansätze liefern auch die Auswertungen der Engländer, bei denen es schon vor sechs Jahren möglich war, an Oberstufen-Schulen für 196 # pro Jahr (!) unbeschränkten Zugriff auf das britische Videotex-System zu haben.
Was brauchen wir Lehrer konkret?
* Ein Ausbildungsangebot für Lehrer, das sich an pädagogischen Zielsetzungen orientiert. (Selbstverständlich auch Integration in die zukünftige Lehrerausbildung)
* Leicht verständliche Betriebsanleitungen.
* Wo finde ich was für die tägliche Vorbereitung?
* Animation für einen regen "Marktplatz" für den Austausch von Ideen und Vorlagen.
* Aufbereitete Wissensbausteine, z.B. die neuen EU-Stahlnormen.
* Einfache, durchdachte Software, die sich wiederum an den pädagogischen Zielsetzungen orientiert, z.B. Mailprogramme mit Drag und Drop aus allen gängigen Anwendungen, mit einfacher Gruppenbildung.
* Macintosh oder PC der neuesten Generation, multimediafähig und mit ISDN-Anschluss. Es könnte aber auch auf einem anderen Dienst laufen, z.B. wenn beim bestehenden Verwaltungs-Netzwerk durch Einsatz eines intelligenten Netzwerk-Managers die zum grössten Teil brachliegenden Kapazitäten genutzt werden könnten.
* Einen effizienten Support, der dieser Präzisierung auch gerecht wird.
Referenzen
[Bauknecht 95]
Informatik-Forschungspolitik des Bundes und deren
Einfluss auf die Schweizer Wirtschaft. Informatik/Informatique
1/1995.
[Erfahrungsbericht]
Erfahrungen mit der Telematik, Berichte aus dem
Institut für Bildungsforschung und Berufspädagogik im Amt
für Berufsbildung des Kantons Zürich, Band 15, Zürich
1988
[LOGIN]
Zentralinstitut für Fachdidaktiken der Freien Universität
Berlin, Login Verlag Berlin, Vierteljährliche Ausgaben 1993-1994.
[Morel 94]
Raymond Morel, Télématique
pédagogique. Centre informatique pédagogique,
Genève 1994.
Résumé
Les jeunes ont en partie déjà de l'avance sur nous, enseignants, dans l'usage des ordinateurs et des modems. Mais c'est une instruction sérieuse à l'utilisation et au traitement des informations qui leur fait défaut. Elle sera un point central de l'instruction. Pour que les enseignants puissent s'acquitter de cette mission, ils leur faut d'abord davantage de formation, plus d'échanges avec des spécialistes et des possibilités techniques accrues, afin que la formation dans notre pays soutienne la comparaison avec celle des autres nations industrialisées. On esquisse ici quelques impulsions pour le domaine des maîtres d'école professionnelle.
Fredy Schwyter, Dipl. Masch.-Ing. HTL/STV, Berufsschule Uster, <schwyter@afb.unizh.ch>.
Johann Widmer, Dipl. Masch.-Ing. HTL/STV, Technische Berufsschule Zürich,<100016.1222@compuserve.com>.
Die Autoren sind Mitglieder der freien Arbeitsgruppe Schools bei Switch.