Carl August Zehnder
Informiert sein: Lernen – Nachschlagen – Fragen – Bewerten
In der heutigen "Informationsgesellschaft" informiert zu sein bedingt erstens die richtigen Fragen zu stellen und zweitens aus einem überbordenden Datenangebot das Wesentliche herauszufiltern. Schülerinnen und Schüler zu solchen Fähigkeiten hinzuführen, ist keine neue, aber eine immer wichtiger werdende Aufgabe der Schule.
Jeder Mensch ist mit seiner Umwelt (Mitmenschen, Natur, Wirtschaft usw.) in vielfältigster Weise verbunden; seine verschiedenen Sinnesorgane bilden die wichtigsten Kontaktstellen zur Umwelt. Vielfältige Sinneseindrücke lassen sich heute künstlich auslösen; eine ganze Industrie, die sog. "Unterhaltungselektronik", liefert die Ausstattung dazu in immer ausgefeilterer Perfektion (Radio, Audio, Fernsehen, Video, Multimedia, Virtuelle Welten). Viele Konsumenten dieser Angebote suchen hier Unterhaltung, Zeitvertreib, Entspannung; andere benützen die gleichen technischen Medien zur Erweiterung des Wissens. Beide Zielsetzungen lassen sich durchaus auch kombinieren ("Infotainment"), wie etwa in einem attraktiv gestalteten, inhaltlich und didaktisch gehaltvollen Dokumentarfilm.
Durch bloss passives Konsumieren von Unterhaltungs- und/oder Informationsangeboten kann allerdings kein moderner Mensch innert der verfügbaren Zeit jenes Wissen aufbauen, das er im Alltag, namentlich aber im Beruf benötigt. Ein angemessen breites und tiefes Grundwissen muss daher systematisch in der Schule erworben werden ("Lernen"); darauf aufbauend lässt sich dann nötiges Spezialwissen für Einzelprobleme des Lebens durch gezieltes Suchen ("Nachschlagen") ergänzen.
Dank dem Computer (Digitaltechnik und Informatik) stehen heute für die Wissensvermittlung zusätzlich neue Hilfsmittel zur Verfügung. Eine erste, aber bloss oberflächliche Frage zum Computereinsatz dreht sich meist darum, ob und wie dieses neue Hilfsmittel für das "Lernen" und für das "Nachschlagen" nutzbar gemacht werden könne. Zu diesem Fragenkreis gehören etwa der computerunterstützter Unterricht (CAT = computer assisted training) und das Arbeiten mit Datenbanken. Entsprechende Erfahrungen liegen seit 20 Jahren aus Forschung und Praxis vor und werden angesichts ständiger technischer Weiterentwicklungen (Stichworte: Internet - World Wide Web) ständig erweitert. Diese Erfahrungen zeigen, dass die neuen Informatikhilfsmittel für bestimmte Einsatzbereiche beim "Lernen", ganz besonders aber beim "Nachschlagen" bedeutende Vorteile aufweisen, dass sie aber weder die Lehrerin, noch den Dokumentalisten in Zukunft einfach ablösen und ersetzen können.
Ein grundsätzlicheres Nachdenken über "Lernen" und "Nachschlagen" im Zusammenhang mit den neuen informationstechnischen Hilfsmitteln sollte sich allerdings nicht auf deren geschickte Nutzung für herkömmliche Tätigkeiten beschränken, sondern diese Tätigkeiten selber in die Reflexion einbeziehen. Dazu gehört etwa die Frage, was in Zukunft zum Gehalt des "Lernens " gehören sollte, weil dank den neuen Hilfsmitteln die intellektuelle Arbeit selbst ihre bisherigen, eingespielten Formen mindestens teilweise abstreifen und durch andere ersetzen dürfte.
Die Bedeutung solcher Überlegungen sei an einem Beispiel gezeigt, das einen wichtigen (wenn auch keineswegs den einzigen) Kernbereich unseres Gymnasiums betrifft, nämlich am Umgang mit Information. "Information ist eine angemessene Antwort auf eine konkrete Frage." Schon aus dieser saloppen Definition lässt sich das angesprochene Problem recht klar erkennen. Es wird in Zukunft für Ingenieure und Ökonomen, aber auch für Ärzte und Juristen immer einfacher, aber auch wichtiger werden, präzise Fragen mit Hilfe von computergestützten Informationssystemen rasch und genügend genau beantworten zu können. Entsprechend sind für viele zukünftige Akademiker jene Fähigkeiten und Fertigkeiten neu zu definieren, die für diese neue Form der Informationsbeschaffung wichtig sind, weg vom Auswendiglernen und von der manuellen Suchtechnik, hin zum Wissen um verfügbare Informationsangebote und Suchhilfen, aber auch weg vom Glauben an gesicherte und damit stabile Wissensbrocken, hin zum Auswählen und Bewerten unterschiedlicher, vielleicht gar widersprüchlicher Aussagen und hin zu zeitlich sich verändernden Bewertungen und Bewertungskriterien.
Informiert werden in der bereits angekündigten "Informationsgesellschaft" nicht einfach jene sein, welche virtuos einen Computer bedienen können, sondern jene, welche imstande sind, erstens die richtigen Fragen zu stellen und zweitens aus einem immer überwältigender werdenden Angebot von Texten, Bildern, Daten, Eindrücken (auch virtuellen!) das Wesentliche herauszufiltern und damit die gestellten Fragen zu beantworten. Schülerinnen und Schüler zu solchen Fähigkeiten hinzuführen, ist keine neue, aber eine immer wichtiger werdende, anspruchsvolle und faszinierende Aufgabe der Schule, besonders in der Informationsgesellschaft.