Gehört Internet in die Schulen?

Jean-Pierre Baer

SFIB Schweizerische Fachstelle für Informationstechnologien imBildungswesen, Erlachstrasse 21, 3000 Bern 9, sfib@dial.eunet.ch

Werner Hartmann

Theoretische Informatik, ETH-Zentrum, 8092 Zürich, hartmann@inf.ethz.ch

Wie vor 15 Jahren der Personal Computer eine Revolution in derDatenverarbeitung ausgelöst hat, verändert heute das Internet denDatenverkehr und Informationsaustausch. Man schätzt, dass allein in denUSA heute bereits über 30 Millionen Menschen Zugang zum weltweiten Datennetz haben. Datensind im Ueberfluss und kostengünstig zu haben. Was heisst das fürunsere Schulen? Auswendig gelerntes Wissen verliert immer mehr anBedeutung. Gefragt ist vielmehr die Fähigkeit, die richtige Informationsquelle auszuwählen und im grossen Datenmeer gezielt und rasch die relevantenInformationen zu finden. Internet und World Wide Web sind nur eineInformationsquelle unter vielen. Die verantwortungsbewusste Nutzung dieserneuen Informationsangebote ist ein Thema, dem sich unsere Gesellschaft und damit auch die Schule nicht entziehenkann.

"I think there is a world market for maybe fivecomputers". (Thomas Watson, chairman of IBM, 1943)

Auch in Lehrerkreisen hätte vor zwanzig Jahren kaum jemand daraufgewettet, dass Ende dieses Jahrhunderts Computer zum Alltagswerkzeug in denSchulen gehören. Lehrer und Lehrerinnen begegneten dem Personal Computer mit grosserSkepsis, ja Ablehnung. Erst nachdem sich der Siegeszug des PersonalComputers in Industrie und Wirtschaft abzeichnete, wurden auch in denSchulen "notfallmässig" grössere Anzahlen von Computern angeschafft. Vielerorts herrschte die Meinungvor, mit der Beschaffung von Hardware und Software sei das Problemgelöst. Der Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrern wurde in der Anfangsphase zuwenig Beachtung geschenkt. Im Unterrichtstanden Themen rund um den Aufbau des Computers ("Bit und Byte") sowie dasProgrammieren im Vordergrund. Erteilt wurde der Informatikunterricht inder Anfangsphase in erster Linie von Mathematiklehrkräften. Und die speziell für denInformatikunterricht bestimmten Schulzimmer haben an den meisten Schulenauch heute noch Bestand.

Heute hat sich der Computer als Arbeitsinstrument in fast allen Bereichenetabliert. Im Vordergrund stehen dabei Anwendungen wie Textverarbeitung, Graphik, Tabellenkalkulation,Datenverwaltung und Kommunikation. Und die Computer sind so leicht undhandlich, dass sie auch in eine Schultasche passen. Die Werbung macht zudemglaubhaft, das Bedienen eines Computers sei kinderleicht.... und stösst damit bei den Schulbehörden aufoffene Ohren: Vielerorts wird der Informatikunterricht reduziert oder(zumindest auf dem Papier) in andere Fächer integriert. Dass einVerständnis der grundlegenden Konzepte der Informatik heute zur Allgemeinbildunggehört, wird geflissentlich ignoriert.

"A danger when trying to predict the impact of home computers and theInternet is that early users of any technology are systematically differentfrom the average citizens who come later." (Robert Kraut, CarnegieMellon, December 1996)

Zwischen der Einführung der Personal Computer und Internet / WorldWide Web bestehen viele Parallelen. Auch der "Information-Super-Highway"stösst in den Schulen und bei den Behörden auf grosse Skepsis, wecktAengste oder stösst gar auf schroffe Ablehnung. Auf der anderen Seite gibt es auch einenPioniergeist: Initiative Lehrerinnen und Lehrer nutzen die neuenMöglichkeiten der Kommunikation bereits heute im Unterricht. Vielerortsentstehen "Homepages" einzelner Schulen,über Electronic Mail werden Kontakte zwischen Schulklassen verschiedenerKontinente geknüpft und Schulserver schiessen aus dem Boden. In welcheRichtung diese Entwicklung gehen wird, kann heute wohl kaum jemandverlässlich voraussagen. Sicher ist nur: Internet und die darauf aufbauenden Dienste wie World WideWeb oder Email sind heute in unserer Gesellschaft zu einer nicht mehrwegzudenkenden Realität geworden. Die Schulen müssen sich damit auseinandersetzen und aufzeigen, wie die neuenInformationsmedien gezielt und verantwortungsbewusst genutzt werdenkönnen.

"All computers should be networked with outsideaccess. But no more than 50 percent of the total information-technologybudget should be spent on hardware." (Byte 1995)

Wir leben heute im Informationszeitalter! Der Buchdruck erlaubte eseinzelnen Personen, Informationen relativ kostengünstig an viele Leutezu verteilen. Die weltweite Vernetzung ermöglicht es heute vielenLeuten, schnell und kostengünstig Informationen an andere Leute zu verbreiten. Neben Printmedien (Bücher, Zeitungen, Zeitschriften), Telefon, Fax, Radio und Fernsehen oderCD-ROM hat sich heute das Internet als weitere Informationsquelleetabliert. Auf der Sekundarstufe I und II ist deshalb ein Internetzugangin jeder Schule ein Muss. Dieser Zugang darf nicht nur für Lehrerinnenund Lehrer reserviert sein, sondern muss auch den Schülerinnen undSchülern frei zugänglich sein. Im Klartext: Der erste Internetzuganggehört nicht ins Informatikzimmer, sondern in die Schulbibliothek!

Die Einrichtung eines einfachen Internet-Zugangs als Einzelplatzlösungüber die vorhandene Telefonleitung ist heute recht problemlos. DerZugang zum Internet ist in der Regel zum Lokaltarif möglich. Damithalten sich auch die laufenden Kosten in Grenzen. Vergleicht man die Kosten für einen einfachenInternetanschluss mit den Ausgaben für sonstige Hardware und Softwareoder gar mit den Aufwendungen für die Löhne einer Schule, scheinen finanzielle Argumente gegen einenInternet-Anschlusss geradezu kleinkrämerisch. Abzuraten ist Schulen imheutigen Zeitpunkt von der Einrichtung aufwendiger Mehrplatzlösungen, die oft mit grossen technischen Problemen und einem grossenWartungsaufwand verbunden sind. Im Zusammenhang mit der Liberalisierung desTelecom-Marktes werden in nächster Zukunft einfache, leistungsstarke undkostengünstige Lösungen angeboten werden, beispielsweise über Kabelfernseh- oderSatellitenanschlüsse. Schulen, die bereits heute über die technischeund personelle Infrastruktur verfügen, sollen diese Möglichkeitenselbstverständlich ausschöpfen. Für eine Einführung in die Bedienungs- und Zugriffsprogramme (Browseretc.) eignet sich ein schulinternes Intranet.

"Computers should be used for the things they'regood at, and people should be used for the things they're good at."

Obwohl gerade das heute so populäre World Wide Web dankseiner auf dem Click-and-Go Prinzip beruhenden Oberfläche so einfach zubedienen ist, genügt es nicht, Schulen nur ans Netz zu hängen. Gefragt ist nicht ein Kochbuchrezept für den Umgang mit WWW,sondern ein didaktisches Konzept, das die grundlegenden Prinzipien derInformation und Kommunikation behandelt. Zur Illustration seienstellvertretend zwei Punkte angeführt, die in der Schule unter dem Thema "Information und Kommunikation"behandelt werden müssen.

Daten sind nicht gleichzusetzen mit Informationen.Daten sind gespeicherte Angaben in Form von Zahlen, Texten, Tönen,Bildern, ... , ein "Knopf im Nastuch". Information setzt einInformationsbedürfnis voraus und beinhaltet eine Antwort auf eine konkrete Fragestellung.

Information kann in verschiedensten Formen auftreten. Je nachVerwendungszweck ist die eine oder andere Form geeigneter. Textebeispielsweise sind gut strukturierbar, haben gute Sucheigenschaften(Volltextsuche), benötigen für die Uebertragung wenig Bandbreite. Dafür sind Texte symbolischer Art,das Alphabet muss zuerst gelernt werden. Texte sind auch wenigausdrucksstark. Im Gegensatz dazu sagen Bilder mehr als tausend Worte.Dafür benötigen Bilder einen grossen Speicherbedarf und viel Bandbreite zurUebertragung und weisen sehr schlechte Sucheigenschaften auf.

Elektronische Informationsmedien sind keineswegs immer die effizientestenQuellen, oft weiss der Nachbar besser Bescheid. Die Wahl einer derFragestellung angepassten Infomationsquelle ist genauso ein Thema für den Unterricht wie Datenerfassung, Datenformate, Datenspeicherung, Datenverwaltung, Datensicherheit und Datenschutz oder Umgang mit Ueberinformation und Falschinformation.

"Just because something is on the Web, it does not necessary have to befound. Just because something has been found on the Web, it does notnecessary have to be true."

Entgegen der weitverbreiteten Meinung, die Nutzung der Dienste auf demInternet sei kinderleicht, sind wir überzeugt, dass ein grundlegendesVerständnis des Aufbaus und der Funktionsweise des Internets für eine effiziente Nutzung unabdingbar ist. Zum Beispiel zeigt es sich, daskaum jemand den Unterschied zwischen Lycos und Yahoo kennt, obwohl hinter diesen beiden Namen zwei grundlegend verschiedenePrinzipien des Information Retrieval stecken. Unsere Erfahrung zeigt, dassein Wissen über den Aufbau der Architektur des Internets, insbesondere seine chaotischeStruktur und das Client-Server Prinzip, das Verständnis der möglichenSuchstrategien erhöht. Für die Behandlung der verschiedenen Suchstrategien auf dem Web lohnt sichdie Analogie zu vertrauten Informationsmedien wie etwa Bücher oderBibliotheken. Bei genauer Betrachtung zeigt es sich, dass auf WWW dieselben Prinzipien des Information Retrievals anwendbarsind, wie auf Buchbibliotheken.

Buch

Bibliothek

World Wide Web

Blättern

Schmökern

Gezieltes Surfen

Inhaltsverzeichnis

Thematische Klassifikation

Web Suchbäume

Indexverzeichnis

Schlagwortindex

Web Suchindizes

Im Unterricht ist es wichtig, auf die Vor- und Nachteile der verschiedenenSuchstrategien hinzuweisen. Weiss man schon recht genau, wo man eineInformation suchen muss, kann gezieltes Surfen sehr effizient sein.Web-Suchbäume wie etwa Yahoo werden manuell nachgeführt. Man findet hier also nurInformationen, die aktiv eingefügt wurden. Dafür profitiert mandavon, dass einem bereits jemand die Arbeit für das Sichten und Strukturieren der Informationen abgenommen hat.

Im Unterschied zu Web-Suchbäumen werden Web-Suchindizes wie etwa Lycosoder Altavista automatisch gebildet. Suchroboter analysieren laufen dieInhalte einzelner Webseiten und fügen die Informationen in den Index ein. Ende 1996 haben diese Suchroboterüber 30 Millionen Webseiten auf über 300'00 Server weltweitgesichtet. Im Unterschied zu Web-Suchbäumen können die Suchroboter die gefundenen Informationen weder gewichten nochstrukturieren. Das führt dann zu der von den Benutzern immer wiederbeklagten Situation, dass die Suche nach einem Stichwort Tausende von Verweisen liefert.Der damit verbundene Ruf nach besseren Suchmaschinen zeigt, wie gering dasVerständnis für die neuen Möglichkeiten häufig noch ist und dass die Schule hier herausgefordert ist.

 

Neben den verschiedenen Suchstrategien muss im Unterricht auch das Bewertengefundener Informationen thematisiert werden. Wie zuverlässig ist einegefundene Information? Hier stehen wiederum bereits von anderen Medienbekannte Kriterien zur Verfügung. Neben inhaltsbezogenen Kriterien wie Korrektheit, Version (Nummer derAuflage) oder Vollständigkeit gibt es autorenbezogene Kriterien wie denNamen und die Qualifikation des Autors oder den Ruf und die Objektivität der Herausgeberin zu beachten.

"Library and Web: The only difference is speed,convenience and quantity. More speed, more quantity, more junk, betterfilter!" (anonymous, 1996)

Von Kritikern des Einbezugs des Internets in die Schulen wird immerwieder auf die zwielichtigen Angebote auf dem Internet verwiesen. Vonpornographischem über rassistisches Material bis hin zur Bastelanleitungfür Bomben findet sich alles auf dem Internet. Die Nutzung des Internets inder Schule sei deshalb nicht oder höchstens unter strenger Kontrolle zuerlauben. Diese Haltung ist nicht angebracht: Bereits bei der Altpapiersammlunggelangen Kinder in den Besitz von Informationen, die wohl kaum für siegedacht sind. Pornographie und rassistische Schriften gehören leider heute zu unserer Gesellschaft. Wer sich bemüht, kommtfrüher oder später in den Besitz solcher Informationen. Mit demInternet hat die weltweit verfügbare Menge an Informationen massiv zugenommen und dazu proportional auchdie Menge an "Schrott". Diese Entwicklung kann die Schule nicht aufhalten.Die Schule kann aber aufzeigen, wie man die grosse Datenflut durch geschickteWahl von Informationsfiltern auf ein sinnvolles und nutzbringendes Massreduzieren kann.

Eine Schule mit Zukunft kann sich den neuen Entwicklungen derKommunikationstechnologien nicht verschliessen. Ueberstürztes Auffahrenauf die Datenautobahn ist aber genauso gefährlich wie das Abseitsstehen. Lehrerinnen und Lehrer, Schulbehörden undPolitiker sind aufgerufen, sich dieser neuen Herausforderung zu stellen. Injede Schule gehört mindestens ein Internet-Anschluss und Lehrerinnen undLehrer müssen im Umgang mit den neuen Medien ausgebildet werden!

"To attain knowledge, add things every day; toattain wisdom, remove things every day." (Lao-Tzu in TaoTe Ching)